Spaßkiller Digitale System Controller ? Latenzen im Live-Betrieb

in , in Auftritte

Mache ich es mir vielleicht zu einfach? Ich weiß es nicht. Nun habe ich BSS, dbx, Dynacord und Xilica Controller getestet.  Keines der Geräte konnte mich jedoch überzeugen. So rückt das einzige für mich wirklich brauchbare Gerät von Kling & Freitag zum Preis von 4200,- Euro doch noch in greifbare Nähe. Schon die Nomo LS haben uns mehr als begeistert, nun also auch der Controller. Denn Kling & Freitag bietet mit dem CD44 eine Latenz von 0,5mSek und ist somit 3x so schnell wie das beste Stück auf jeder normalen Musikladentheke.

 

Alle anderen geben 1,5mSek bis 2,7mSek. Wobei ich sehr sicher bin, dass diese Angaben nicht immer korrekt sind. Bei einem Gerät konnte ich dies durch gleichzeitig aufgenommene Audiospuren über digitalen und analogen Weg am PC vergleichen und die Mogelangaben der Hersteller so entlarven. Von wegen 1,5mSek.

 

Welche Auswirkungen haben Latenzen durch Digital Equipment im Live Betrieb?

 

Für einen Gitarristen kann es auf der Bühne zu Kammereffekten kommen, wenn das direkte Verstärkersignal mit dem  gering verzögerten Signal aus der Monitoranlage zusammen kommt. Selbst gute Digitalcontroller haben etwa 2mSek Latenz und das genügt für einen solchen Kammereffekt völlig aus.

 

Bei Sängern ist das sogar noch gravierender, was aber kein Techniker auf dieser Welt glauben und verstehen mag. Ein Sänger hat nicht nur einen Verstärker hinter sich, nein: Ein Sänger hört die eigene Stimme direkt im Kopf, selbst kleinste Latenzen werden daher wenigstens als „merkwürdig“ empfunden. Es mag ja sein, dass dies nicht hörbar ist. Für einen guten Sänger bleibt es aber spürbar.

Neben Timing und Intonation ergeben sich daher für Sänger, selbst bei aufgesetztem Kopfhörer und kleinsten Latenzen, frequenzmäßige Auslöschungen. Dadurch wird es „irgendwie anders“ – der Sänger nimmt die Farbe seiner Stimme anders war.

 

Ist dies nur ein Generationskonflikt? Bin ich mit 45 Jahren einfach zu alt für die neue Generation und denke da falsch, veraltet und analog? Immer wieder höre ich von Technikern: „Das hört kein menschliches Ohr, ich bezweifle stark, dass Sie eine Latenz von 2-3mSek höhren können“. Ein Mitarbeiter des Musikhauses Thomann schrieb mir beispielsweise zu diesem Thema folgendes:

 

Sehr geehrter Herr Baumbach,
dass Sie eine solche Latenz hören ist mehr als unwahrscheinlich. Das entspricht in etwa der Laufzeit, die der Schall aus einer Box zu Ihnen braucht, die nur einen halben Meter von Ihnen entfernt steht. Bei jedem Bühnenmonitor wäre der Abstand zum Musiker größer. Auch wenn die Latenzzeit das Doppelte betragen würde, dürfte dies noch nicht hörbar sein. Bei Versuchen mit Sängern und Musikern mit extrem gut geschulten Ohren und analytischem Hörvermögen ergab sich eine Latenzteit von etwa 5-6 mSek ab der die Verzögerung vom menschlichen Ohr überhaupt verarbeitet werden konnte. “

 

usw…. So viel zu den Test was ein menschliches Ohr zu leisten vermag. So hat der gute Mann einfach nicht berücksichtig, dass ganz unabhängig vom Abstand zur Box ich ja mein Signal zu dem gehörten bringen muß und mein Signal bleibt verzögert zum gehörten, gleich wie groß der Abstand zur Box auch ist. Ein schönes Thema wäre hier auch, welchen Frequenzgang ein menschliches Ohr überhaupt hören kann. Aber das führt hier zu weit, lassen wir der cd und mp3 ihren Siegeszug!

 

Trotzdem, ich weiß natürlich was der Käufer erklären wollte und verstehe ihn daher auch in gewisser Weise. Singen jedoch ist ein sehr komplexer Vorgang,  schnell werden da  ein oder zwei Faktoren vergessen, die selbst bei Liveauftritten zum Spaßkiller oder gar mehr mutieren.

 

Ich kann es nicht eindeutig beschreiben oder wirklich herausfinden, womit es zu tun hat und warum da irgendetwas merkwürdig ist. Ich fühle mich nach kurzer Zeit irgendwie schlecht. Auch bei einem Abstand zur Box ist das so. Denn die Latenz bleibt ja auch bei größerer Entfernung vorhanden. Ich höre einen Groove und will dazu exakt singen. Was ich nun ins Mikrofon gebe ist mit 2-3 mSek maximal verzögert und das bleibt auch auf der Distanz so. Denn mein Gesang durchleuft ja diese Kette. Einfacher wird es, wenn Sie versuchen auf ein solches Signal mit vielleicht 100 bpm einen Shaker mit achtel oder sechtszentel zu spielen. Das bleibt schwer und wird bei 5mSek und mehr sogar unmöglich.

 

Einfach mal selbst testen!

 

Es wird nicht an der Tagesform liegen. Es liegt daran, dass Ihr Ohr und Ihr Gefühl, auch für Raum und Distanz über viele Jahre trainiert wurde und nun der zeitliche Faktor minimalst verändert ist.

 

Was ist das, was mich irritiert hat?

 

What you sing is what you get a little later?

 

Ich denke ja! Wir kennen das: Wer sich schlecht hört, fängt an zu brüllen. Das kann jedoch durch besseres Monitoring behoben werden. Wenn das zeitliche Empfinden jedoch dem gewohnten Gefühl nichtentspricht, kann da kein Regler mehr helfen. Es ist sehr schwierig zu umschreiben. Als Sänger fühlt es sich etwas an, als würde man durch einen leichten Vorhang singen, die Stimme wirkt matter. Ich strenge mich mehr an und weiß nicht warum. Die Stimme rutscht in den Hals und gehört nicht mehr wirklich mir. Die Stimmfarbe wirkt auf mich anders. Ich denke die ganze Zeit, ich müßte irgendetwas an der Akzentuierungen gerade rücken.

 

Die zeitliche Verzögerung, ob nun ein menschliches Ohr das hören kann/darf oder nicht, irritiert mich und das wird auch bei längerem Üben mit diesem Zustand nicht besser!

 

Bin ich eine Gesangsdiva? Zu weich für den digitalen Livealltag?
Trotz langjähriger Erfahrung scheint es mir nicht möglich zu sein Freude und Spaß mit digitalem Equipment zu empfinden und ärgere mich vor allem über die Techniker und Soundspezialisten, die mich auslachen bei diesem Thema. Sind wir schon alle verkorkst durch das editierbare Digitalzeitalter?

 

Ich möchte mich fallen lassen beim singen und egal wie das Ärzte beschreiben würden, für mich ist es leider Eindeutig. Meine Wahrnehmung spürt auch geringe Latenzen, fertig!

 

Vielleicht findet ein mitfühlender Kollege diesen Bericht. Ich würde mich sehr über Eure Meinung zum Thema Latenzen mit Digitalequipment freuen. Vielleicht gibt es auch hilfreiche Tipps. Ich möchte mich neuer Technik nicht verschließen, vielleicht gibt es ja auch hilfreiche Tipps.

Kommentare zum Latenz Bericht:

 

Michael schrieb dazu am 06.08.2011:

„Das ist ja witzig, das Thema beschäftigt mich nun seit einigen Tagen. Ich selbst war in der ersten Reihe beim Prinz Konzert in Köln. Das Konzert wurde zu kleinen Katastrophe für die Musiker und war nach 60 Minuten beendet. Die Presse hat Prinz zerissen und sprach nur von schlechter Technik und schlechtem Sound.  Die Problematik der Band, das Digitalmischpult und vermutlich dazu noch ein Defekt am Pult. Ich selbst bin Schlagzeuger und so wie ich die Gespräche deute, ging es nicht nur um die Latenz des Digitalpults, sondern vor allem auch, dass diese Latenzen nicht gleich blieben. So kämpfen selbst die großen Jungs mit diesem Problem. Interessanter Bericht und schöne Webseite. „

 

Ihr sprecht mir aus der Seele.

Vielleicht hilft mein Beitrag hier bei Diskussionen mit den technik-verliebten Halbwissenden (wie mich):

http://e-reuter.com/index.php/the-truth-about-latencies

Viele Grüße

Eckhard Reuter