Ein Schlagzeug neu erfinden

in , in Auftritte

Ein akustisches Schlagzeug und die Lautstärke immer im Griff.

Ein richtiges Schlagzeug ist nun einmal laut? Wir möchten uns damit nicht zufrieden geben und packen das Thema von Grund auf neu an. Wir möchten das eigentlich „unmögliche Schlagzeug“ und bauen es daher selbst. E-Drums sind keine Lösung, wir verstehen sie als Ergänzung und Sounderweiterung zu einem „echten Drum“. Von der Bassdrum, über Snare bis zu den Becken. Ein Schlagzeug muß akustisch sein, nur

wie macht man ein Drum leiser, sehr viel leiser?

Schon nach wenigen Wochen und ersten Versuchen ist klar, es gibt sogar gleich mehrere Wege ein Schlagzeug zu modifizieren und leiser zu machen.  Die Tücke liegt aber (wie so oft) im Detail. Neben den erwähnten E-Drums waren auch Mesh-Head Umbauten kurz im Test:  Drum-Tec/VST-Plugins = Nein. Die Spezialisten für reduzierte Drums aus Hamburg ebenso. Aber Adoro ist immer noch zu laut. Wir geben nicht auf.

„Man muß es wirklich wollen“

Vielleicht liegt hier ein Grund darin, warum die Musikindustrie nicht wirklich am Bau leiser Drumsets mit all seinem Know How arbeitet. Es gibt keine „leise Konkurrenz“. So wird also weiterhin die Snare allen Protagonisten auf der Bühne und Gästen im Saal „um die Ohren fliegen“. Dabei war es nicht immer so. Drums waren nicht immer so laut! Vor der Zeit der großen Verstärker klang da sehr viel noch ganz anders. Das haben wir bemerkt, als wir in Bonn alte Snares aus den 50 und 60er Jahren angespielt haben. Wir haben dann in Berlin einen Schlagzeugbauer gefunden, die sich auf Umbauten spezialisiert hat und uns bei der ganzen Aktion hilft. Wir suchen also leise „Vintage Drums“ (weltweit) und anschließend machen wir das dann noch leiser. So der Plan!

Wir müssen der Sache auf den Grund gehen und darum fangen wir von vorne an. Es wird gesägt, geschraubt und geleimt. Wir kaufen unterschiedlichste Felle und auch Trigger. Vielleicht ist ja auch ein MIX aus A- und E-Sound ein Weg. Mmmh mal sehen. Piezzo, FSR und viel in den Staaten, das es hier nicht gibt. Wir bestellen was nur gut und probieren.

 

Kein Weg zu weit, keine Einfuhrgebühren zu hoch und keine Säge macht halt, selbst vor Raritäten

Das wird manch einem die Tränen in die Augen treiben, schönste Gretsch Drums aus den 60er Jahren werden „zerstückelt“ und müssen für die nächsten Tests herhalten. Die Bassdrum wird nur noch halb so tief, ebenso werden die Toms um 40% gekürzt.

Es ist erstaunlich, wie gut das trotzdem noch klingt. Größerer Bedeutung haben jetzt die Felle, weiterhin Resofell und Snareteppich. Die unterschiedlichsten Felle kommen zu Einsatz und das jeweils im Test mit Mikrofonie und auch verschiedenen Sticks. Die Snare konnten wir um fast 70% reduzieren, die Bassdrum um etwa 60%. Toms, Hihat und Becken sind ebenfalls leiser geworden und irgendwie passt das jetzt auch alles viel besser zusammen. Die Hihat hat eine echte Chance gegen die Snare und zu unserer aller Freude, klanglich haben wir nur sehr geringe Einschränkungen hinnehmen müssen.

Kompromisse, die Mitte ist das Ziel.

Die meisten Musiker machen Kompromisse: E-Piano vs. Flügel, Hammond B3 vs. Hoax oder Nord usw. Was nützt die tollste Snare, wenn ein wirklich sauberer Mix kaum möglich ist und allen um die Ohren fliegt. Wenn die Übersprechung so groß ist, dass es kaum möglich ist die Hihat mit dem Overhead vernünftig aufzunehmen. „PENG“, die Snare ist überall. Wir haben daher kein schlechtes Gewissen und konzentrieren uns weiter darauf, was SINN macht, für uns!

Um zeitgemäß auch eine größtmögliche Flexibilität zu erhalten, sind neben den Mikrofonen zusätzlich auch Trigger angebracht. Das reine Triggersignal wird eigentlich kaum verwendet, bis auf wenige Effekte, überwiegend werden diese Signale dem Akustiksound hinzugemischt.

Vielleicht eine Kombination aus Akustik und Trigger-Sound?

Attack vom Mikrofon und den WUM vom Soundmodul?

Die 2 Box hat eine Latenz von 4,3ms und darum „VORSICHT“, einfach übereinander geht das nicht. Die Eingänge der Drum-Mikrofone werden daher am Mischpult um etwas mehr als 4ms verzögert. Weiterhin muß bei der Überlagerung von zwei Sounds extrem auf die exakte Stimmung geachtet werden. Das hatten wir uns einfacher vorgestellt. In der Praxis funktioniert das sicherlich sehr gut, Low- und Highcuts helfen beim Feinschliff. Die Transienten kommen vom Mikrofonsignal und aus der 2Box kommt die Unterstützung im Ton. So passt es am Ende erstaunlich gut und das Drum hat extrem viel Dynamik, leise und trotzdem viel DRUCK.  Aber es geht auch ohne Trigger: Unser leises Drum klingt und einfach mikrofonieren geht auch.

Nur in unserem Fall haben wir uns für diese LIVE-Variante entschieden, da es in kleinen Räumen schwierig werden kann, wenn die Bassboxen nur 2m von der Bassdrum entfernt stehen.

 

Die Mühe hat sich gelohnt, das fertige Drumset 2017

Hätte sich das Gretsch Drum „1968“ träumen lassen, dass es fast 50 Jahre später noch immer „lecker“ daherkommt und live on stage bestaunt werden kann?

In Kombination mit den richtigen Fellen und einem Beater aus Leder (wurde angefertigt)  haben wir ein Drum in Zimmerlautstärke das klingt. So etwas ist dann auch bei langen Proben ohne Gehörschutz lange spielbar. Mit der besagten Triggerkombination ist das für uns dann auch bei Auftritten entsprechend flexibel und zeitgemäß. Wir spielen ja auch DANCE/Charthits Auf einer Fläche von 1,60m x 1,30m steht es da und freut sich auf den ersten Auftritt.

 

arbeitsplatz-moderne-drummer drum-kessel-gekuerzt neue-leise-drum-kessel vintage-drum-modifiziert

Und dann war es so weit,

der erste Auftritt mit dem neuen Schlagzeugs. Ein Auftritt in der Stadthalle in Gladbeck. Wir sind schon weit gekommen, aber noch nicht am Ziel. Wir müssen noch weiter daran arbeiten. Becken sind noch das Problem und die Snare hat zu wenig Attack. Auch die Stimmung ist noch etwas zu tief. Wir versuchen weiter andere Materialen und testen auch verschiedene Mikrofone. Es bleibt also spannend. Machen wir uns zunächst an RIDE und Crash.

Becken, Ride und Crash leiser machen

Nachdem wir auch die 80dB Serie von Zildjian (low noise) getestet hatten und alles an handelsüblichen „Dämpfern“ so ausprobiert, stellten wir uns die Frage:

Hat sich von den Herstellern wirklich ein Fachmann mal ernsthaft mit dem Thema beschäftigt oder war das der Praktikant, weil … leiser machen ist ja nichts für Profis?
So ähnlich kam es uns zumindest vor. Denn die Lösung war nach etwa 2 Tagen gefunden und die im Handel erhältlichen Materialien sind total ungeeignet für leisere Becken. Ebenso ist die Zildjian Low Noise Serie einfach viel zu leise. 80dB ist nun wirklich etwas wenig. 90 dB liegt doch immer noch im Bereich der Zimmerlautstärke. In jedem Kindergarten haben wir sogar mehr als das. Warum also so extrem leise? Sie können alles vergessen und berücksichtigen:

Es muß weiterhin klingen. NIEMALS dämpfen, nur die Energie verringern

Das geht mit sehr leichten Materialen die Schwinung zwar aufnehmen aber nicht verhindern. Weiterhin ist der „Krach“ am Rand und daher eignen sich beispielsweise Leinen sehr gut, siehe Video. Da sie über das Becken hängen, reduzieren sie am Rand stärker und zur Mitte hin weniger, was auch richtig ist. Mit etwas „Willen“ haben wir für 10,- Euro ein normales Becken auf 90 dB reduziert und es ist alles andere als unspielbar. Das Messgerät ist erforderlich um den extremen Unterschied zu verdeutlichen. Normale Aufnahmegeräte können diese Lautstärke und die damit verbundene große Dynamik nicht verarbeiten. Irgendwann wird es dann auf dem Video nicht mehr lauter.

Zur Erinnerung = 6dB mehr sind doppelte Lautstärke.

Auch der Beckentest zeigt, was uns bereits in den vorangegangenen Monaten aufgefallen ist: Ein Schlagzeug kann sehr wohl leiser, es mangelt vielmehr an der Bereitschaft es wirklich zu wollen!
Beim Crash war es allerdings etwas anders, hier haben wir auch mit einem Riss im Becken gearbeitet. Die Arbeiten sind aber noch nicht ganz abgeschlossen. Ein Joe Morello 602 Ride von Paiste aus dem Jahr 1968 liegt bereit für die Bohrmaschine. Wir müssen verrückt sein: Bronze ist leichter zu bohren als wir gedacht hatten. Fortsetzung folgt:
Nun noch einmal an die Snare, das Thema war auch noch nicht beendet.

Eine Snare in Zimmerlautstärke, unter 90 dB !

Da kann selbst Adoro-Drums nicht mehr mithalten. Wir sind von einer 14er OAK Snare von Tama auf eine 13er Messing Snare aus den 60er Jahren gewechselt. Die 14er Snare Holz war dann doch zu leise geworden. Zudem wurde uns die Stimmung bei akustisch schwierigen Locations zu tief. Mit der 13er liegen wir wieder im „durchsätzungsfähigen“ Bereich. Es wird sicherlich noch weitere Änderungen geben. Der Stand im Moment:

(Ton von der Videokamera, Mikrofon an der Snare ist aus)

Mehr ging nicht, mit voller Kraft draufgehauen. Eine normale Snare hatte immer um die 100 dB. Maximal und mit voller Kraft aus dieser Entfernung sogar 107 dB. Zur Orientierung, mit jeweils 6dB mehr verdoppelt sich die Lautstärke. Jetzt an die Hihat. Begonnen haben wir damit verschiedene Hi-Hats zu kombinieren. Auch verschiedene Materialen, oder sogar Hihat auf Becken (auch unterschiedlich groß). Hier war der Umstieg auf einer 15er HIHAT und auf der Unterseite ein Crashbecken am Ende die Lösung (beides auch wieder aus den 60er Jahren). Auch hier wird es bald ein Video geben.

Nachtrag:

Wir widmen uns noch immer der Snare. Das im Video gezeigte Modell mit Drum Tec Pro Meshhead ist am Ende sogar etwas zu leise geworden. Wir haben eine DW 13×7 mit verschiedenen Fellen ausprobiert und einen großen Test mit verschiedenen Schlagzeugfellen gemacht. Im Livebetrieb ist dann unter 90 dB etwas zu des Guten. Wir haben aber dadurch den „Weg“ erkannt und reduzieren nun zunächst das Schlagfell der Snare weiter. Auch der Snareteppich wird zu einem späteren Zeitpunkt noch ein Thema sein.

Finale | Das war noch nix … noch einmal eine neue Snare – TEIL II

Das im Video gezeigte Modell verwenden wir nicht mehr unter 90 dB (A) ist in der Praxis für eine gute Mikrofonierung, häufig inkleinen Räumen (PA steht direkt neben den Musikern) zu leise. Da wir uns vom Trigger an der Snare ganz verabschiedet haben, wurde es eine normale DW Snare (13×7). Ein sehr hoch gestimmtes Aramidfaser-Schlagfell und darauf ein „Fat Big Snare“. Das reduziert deutlich und ist dank der hohen Stimmung durch das Aramidfaserfell im „normalen“ Bereich. Resofell und Teppich entpsrechend angepasst und ……

90 bis 92 Dezibel Snare

Silent Snare Drum - Quiet Noise

In der Praxis sieht das dann so aus:

FAZIT

Es funktioniert in der richtigen Kombination. So wie dieser Sänger, mit dem Mikrofon an diesem Vorverstärker gut klingt, so verhält es sich auch mit der eigenen Spieltechnik, Schlagfell, Kessel und Resonanzfell.

Die Drumkessel müssen kleiner, gekürzt werden! Das ist der erste Schritt.

Nicht zu viel, aber selbst eine 24×8″ klingt noch klasse und macht sogar mächtig Spaß zu spielen. Die Energie des Schlags muß als nächstes reduziert werden, Schritt 2.

Dann mit den richtigen Fellen und guter Stimmung den „Ton“ wieder zurückholen.

Die Mühe lohnt, es geht. E-Drum ist keine Lösung. Selbst ein schlecht klingendes akustisches Set ist dem teuersten Roland Modul überlegen. Auf dem Musikmarkt tut sich nach und nach etwas. Bei den großen Herstellern ist es noch nicht angekommen, daher muß man sich die Leute im Netz suchen (Schlagzeugbauer)

Hersteller wie Agean Cymbals oder TongXiang, Chang, oder Arorea haben auf der Musikmesse 2017 in Frankfurt Ride und Crash-Becken mit 90-94 dB präsentiert. Es tut sich was und zunehmend sind sich Anbieter dieser Thematik bewußt.

Abkleben, ausstopfen, abdämpfen usw … ist der falsche Weg. Es sieht nach Schlagzeug aus, klingt aber nicht mehr so.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die es einfach und schnell leiser haben wollen und vielleicht nur Zuhause mal das Schlagzeug leiser haben möchte. Versucht mit Lidwish-Sticks zu spielen. Die kosten nicht viel und es ist ein Versuch wert. Für Toms weniger geeignet, ist alles andere aber zum Proben wirklich o.k. Die Sticks tun genau das, was sie sollen. Sie sind biegsam und reduzieren die Energie des Schlags. Ein Video mit A / B Vergleich wird erstellt und folgt:

 

1 Jahr mit dem neuen Drum, Updates und Upgrades

Unsere Erfahrungen nach fast 100 Auftritten, alle Änderungen. So ging es weiter (Bericht hier lesen) !